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Bei Strategie statt Daten starten

Data Governance

„Wollen Sie eine Data Driven Company werden?" Diese Frage klingt rhetorisch, sie ist es aber nicht. Wer sie ernsthaft beantwortet, muss sagen, welche Entscheidungen künftig auf Daten beruhen sollen und welche nicht mehr aus dem Bauch heraus getroffen werden. Genau hier liegt der Ausgangspunkt jeder Data Governance, und genau hier wird sie in der Praxis übersprungen.

Der typische Start sieht anders aus: ein Katalog wird beschafft, ein Glossar begonnen, eine Rollenmatrix aus einer Vorlage kopiert. Nach einigen Monaten steht ein Regelwerk, das niemand vermisst hätte. Die Ursache ist kein Werkzeugfehler, sondern ein fehlendes Warum. Data Governance ohne Bezug zur Unternehmensstrategie hat keinen Adressaten, und was keinen Adressaten hat, wird nicht priorisiert.

Von der Unternehmensstrategie zur Datenstrategie

Die tragfähige Reihenfolge lautet: Unternehmensstrategie, Datenstrategie, Governance-Maßnahmen. Wo will das Unternehmen in einem Jahr stehen, wo in fünf? Welche dieser Ziele lassen sich mit Daten überhaupt unterstützen? Ein Unternehmen, das wachsen will, braucht belastbare Zahlen zu Recruiting, Verkaufszahlen, Auslastung, etc., und zwar in einer Verbindung, die eine Ursache-Wirkungs-Kette erkennbar macht. Erst wenn diese Kette steht, lässt sich begründen, welche Daten überhaupt eine Governance verdienen.

Dafür hat sich eine schlichte Ableitung bewährt: Ziel, Ergebnis, Vorteil, Liefergegenstände. Aus jedem strategischen Ziel wird ein messbares Ergebnis, aus dem Ergebnis ein konkreter Vorteil für das Geschäft und daraus die Liefergegenstände, die es dafür braucht: eine Datenlandkarte, definierte Verantwortlichkeiten, ein Qualitätsreporting, ein Datenprodukt. Diese Liste ist kein Selbstzweck, sondern eine Begründung. Sie erklärt dem Management, warum genau diese Maßnahme zuerst kommt und eine andere später.

Zwei Einsichten gehören von Anfang an dazu. Erstens: Jede Datenstrategie ist anders, weil sie vom Reifegrad, vom Geschäftsmodell und von der Kultur des Unternehmens abhängt. Vorlagen helfen beim Strukturieren, nicht beim Entscheiden. Zweitens: Nicht alle Daten sind gleichwertig. Daten sind Kapital, und Kapital wird unterschiedlich behandelt. Wer alles gleich streng regeln will, regelt am Ende nichts wirksam.

Organisationen sind vertikal, Daten fließen horizontal

Hier liegt der eigentliche Kern des Themas. Abteilungen, Budgets und Ziele sind vertikal organisiert, die Daten eines Kundenprozesses laufen quer durch CRM, ERP, Ticketsystem und Reporting. Jede Übergabe ist eine Stelle, an der Verantwortung verloren gehen kann. Das Ergebnis kennt man aus jedem Steering: „Deine Reports sind falsch." Antwort: „Nein, deine Daten sind falsch, mein Report ist richtig."

Dieser Dialog endet nicht mit einem besseren Report, sondern mit einer Zuständigkeit. Wer ist der Datenlieferant, wer nimmt die Daten ab, wer entscheidet über die Definition eines Feldes? Data Governance ist im Wesentlichen die Antwort auf diese drei Fragen, dokumentiert und mit Konsequenzen versehen. Deshalb gilt auch der zweite Merksatz: Prozesse sind Daten und Daten sind Prozesse. Wer einen neuen Prozess entwirft, sollte ihn aus der Datensicht entwerfen und nicht ausschließlich aus der Rolle der beteiligten Menschen.

Voraussetzung dafür ist Transparenz. Eine Datenlandkarte zeigt, welche Kernsysteme existieren, welche Daten darin liegen und wohin sie fließen. Sie ist unspektakulär und trotzdem die Grundlage für fast alles Weitere. Das gilt besonders für Sicherheit und Regulatorik: Wie soll ein Unternehmen seine wichtigsten Daten schützen, wenn es nicht weiß, wo sie liegen? Die initiale Erfassung ist erfahrungsgemäß die größte Hürde bei der Einführung, weniger technisch als organisatorisch.

Daten sind Business, nicht IT

Solange Daten als IT-Thema gelten, bleibt Governance eine Serviceleistung im Hintergrund. Das Denkmuster muss sich bis in die Geschäftsführung ändern, und zwar in dieser Richtung: Wenn Führungskräfte nicht in Daten denken, warum sollten sie ihre Mitarbeitenden in diese Richtung führen? Deshalb beginnt Befähigung oben. Schulungen für Führungskräfte, danach ein internes Format für alle, das erklärt, warum das Thema wichtig ist, und Menschen, die es als Ambassadors weitertragen. Ein Data-Governance-Vorhaben trägt sich über Multiplikatoren, nicht über eine Stabsstelle.

Der Nutzen lässt sich dabei erfreulich direkt formulieren: Sie müssen die richtigen Entscheidungen schneller treffen können als der Wettbewerb. Das ist der wirtschaftliche Kern von Governance, und es ist die Formulierung, die im Vorstand ankommt. Hilfreich ist außerdem, die Ziele sichtbar zu halten, ob auf einem Board, im Intranet oder an der Wand. Vorhaben verlieren ihren Fokus selten durch Widerspruch, meistens durch Vergessen.



Case für Case statt Big Bang

Ein letzter Punkt, der über Erfolg und Misserfolg entscheidet: Es wird keinen Big Bang geben. Data Governance entsteht Fall für Fall, immer mit Blick auf die Wertschöpfung und immer mit der Reihenfolge Warum, Wie, Was. Ein Reifegradmodell hilft dabei, ehrlich zu bestimmen, wo das Unternehmen heute steht und wo es hin will. Ein einfaches Bewertungsschema für Use Cases wird zum Kommunikationsinstrument für das Management, weil es die Priorisierung nachvollziehbar macht.

Der Effekt zeigt sich mit jedem Fall: Was im ersten Use Case gelernt wurde, beschleunigt den zweiten. Amazon hat sich am Anfang bewusst auf eine einzige Produktkategorie konzentriert, Bücher, und in dieser Zeit die Grundlagen für datengetriebenes Arbeiten gelegt. Fokus zuerst, Expertise aufbauen, dann adaptieren. Der unbequeme Teil bleibt: Datenstrategie ist harte Arbeit, und viele Organisationen nehmen sich die Zeit dafür nicht mehr.

Data Governance ist kein Regelwerk, das man einführt, sondern die Antwort auf die Frage, wer im Unternehmen für welche Daten verantwortlich ist und warum das für die Strategie zählt. Sie beginnt mit dem Warum, macht die horizontalen Datenflüsse sichtbar, verteilt Verantwortung entlang dieser Flüsse und beweist ihren Wert Fall für Fall.

Marco Wirtl

Senior Consultant Data Solutions

Wenn Sie diese Fragen für Ihr Unternehmen gerade diskutieren, sprechen wir gern darüber, von der Ableitung der Datenstrategie bis zur technischen Umsetzung. Kontaktieren Sie uns für ein persönliches Gespräch.



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