
Prof. Dr. Nils Urbach
Direktor - Fraunhofer FIT
Wie digitale Identitäten und überprüfbare Berechtigungen automatisierte B2B-Prozesse absichern.
Ein KI-Agent soll eine Bestellung über 100.000 Euro auslösen. Der Lieferant muss vorab wissen, welchem Unternehmen der Agent zugeordnet ist und ob seine Vollmacht diesen Betrag abdeckt. Ohne solche Nachweise bleibt die Automatisierung an der Unternehmensgrenze stehen. In unserem vorherigen Beitrag haben wir die Rollen im EUDI-Wallet-Ökosystem betrachtet: Issuer, Wallet Provider und Relying Party. Abschließend haben wir KI-Agenten beleuchtet, die solche Nachweise automatisiert nutzen könnten. Daraus ergibt sich eine zentrale Frage:
Wie lässt sich belegen, wer einen KI-Agenten einsetzt und welche Vollmacht er hat?
Geschäftliche Transaktionen brauchen nachprüfbare Vollmachten.
Viele Unternehmen setzen KI bisher als Assistenten oder als Copiloten ein. Ein Mensch formuliert eine Aufgabe, prüft das Ergebnis und gibt den nächsten Schritt frei. KI-Agenten übernehmen zusätzlich selbstständig die Planung, Systemzugriffe und einzelne Prozessschritte.
Im Einkauf könnte ein KI-Agent einen Materialbedarf erkennen, geeignete Lieferanten auswählen und Angebote anfordern. Auf Lieferantenseite erstellt ein Verkaufsagent ein passendes Angebot. Weitere Systeme prüfen Budget, Compliance und Logistik. Sobald dieser Ablauf zwei Unternehmen verbindet, reichen interne Zugriffsrechte allein nicht mehr aus.
Für eine verbindliche Transaktion braucht die Gegenseite belastbare Angaben zum KI-Agenten, zur vertretenen Organisation und zur erteilten Vollmacht. Diese Angaben müssen sich im laufenden Prozess, idealerweise automatisiert, prüfen lassen.
Ein KI-Agent mit Zugriff auf das Bestellsystem kann trotzdem auf das Einholen von Angeboten beschränkt sein. Seine Bestellgrenze kann bei 10.000 Euro liegen oder nur für bestimmte Warengruppen und Zeiträume gelten. Der Geschäftspartner benötigt daher einen verlässlichen Nachweis über den Umfang und Ausgestaltung der Vollmacht.
Identity and Access Management regelt den Zugriff auf Ressourcen innerhalb einer Organisation. Im Austausch mit externen KI-Agenten kommen zwei Angaben hinzu: der verantwortliche Geschäftspartner und die Vollmacht für die konkrete Transaktion. Der Geschäftspartner prüft den technischen Akteur, seine Zuordnung zum Unternehmen und den Umfang seiner Vollmacht. Dafür lassen sich drei Vertrauensebenen unterscheiden.
Ein KI-Agent braucht eine eindeutige technische Identität. Sie beschreibt seine Funktion, den Einsatzkontext und die Instanz, die an der Interaktion beteiligt ist. Die Gegenseite kann den Akteur dadurch wiedererkennen und prüfen.
Im B2B-Prozess muss nachvollziehbar sein, welches Unternehmen den KI-Agenten einsetzt. Ein prüfbarer Nachweis verbindet die technische Identität mit der vertretenen Organisation.
Die Vollmacht legt fest, welche Handlungen der KI-Agent ausführen darf. Grenzen können sich auf Transaktionen, Beträge, Produkte, Regionen oder Zeiträume beziehen. Änderungen und Widerrufe müssen im Prozess berücksichtigt werden.
Die EUDI-Wallet stellt verifizierte persönliche Nachweise in einem gemeinsamen europäischen Rahmen bereit. Dazu gehören technische Spezifikationen, rechtliche Regeln und Vertrauensmechanismen für digitale Identitäten und elektronische Nachweise.
Die EU-Mitgliedstaaten müssen ihren Bürgerinnen und Bürgern bis Ende 2026 mindestens eine EUDI-Wallet bereitstellen. Gemeinsame Spezifikationen sollen dafür sorgen, dass Herkunft und Integrität digitaler Nachweise automatisiert geprüft werden können. Maschinenlesbare Nachweise können wiederholte Dokumentenuploads und manuelle Kontrollen reduzieren. .
Für Unternehmen betrifft diese Entwicklung unter anderem Identifikation, Onboarding, Nachweisprüfung und elektronische Signaturen. Hinzu kommen Anwendungsfälle, in denen eine Organisation selbst digital auftritt.
Die Europäische Kommission hat im November 2025 eine Verordnung für European Business Wallets vorgeschlagen. Unternehmen und öffentliche Stellen sollen sich darüber identifizieren, verifizierte Dokumente austauschen, elektronische Siegel nutzen und Vertretungs- oder Delegationsverhältnisse abbilden können. Der Vorschlag befindet sich im Gesetzgebungsverfahren. .
Eine standardisierte europäische Identität für KI-Agenten gibt es bislang nicht. Für die Entwicklung geeigneter Lösungen lassen sich zentrale Elemente des Wallet-Ökosystems nutzen: vertrauenswürdige Aussteller, verifizierbare Nachweise, interoperable Identitäten und prüfbare Berechtigungen.
Ergebnis: Identität und Vollmachten werden vor der Transaktion automatisch geprüft.
Der Einkaufsagent kontaktiert den Verkaufsagenten eines Lieferanten. Vor dem Austausch von Angeboten übermitteln beide Seiten die Nachweise, die für den jeweiligen Prozessschritt erforderlich sind.
Der Lieferant prüft die Zuordnung des Einkaufsagenten zum Käufer und den Umfang seiner Vollmacht. Der Käufer verifiziert die Zuordnung des Verkaufsagenten zum Lieferanten sowie die benötigten Unternehmensnachweise.
Bei gültigen Nachweisen läuft der Prozess automatisiert weiter. Fehlende oder abgelaufene Berechtigungen sowie überschrittene Betragsgrenzen führen zu einem Stopp oder zu einer Freigabe durch einen Menschen.
Ein sinnvoller Einstieg sind bestehende Prozesse mit manuellen Identitäts-, Nachweis- oder Berechtigungsprüfungen. Parallel sollten Unternehmen ihre Rolle im europäischen Wallet-Ökosystem und die Auswirkungen auf Architektur, Governance und Security klären.
Die EUDI-Wallet sollte im Zusammenhang mit konkreten Prozessen betrachtet werden. Relevant sind die Stellen, an denen digitale Nachweise Aufwand, Risiko oder Medienbrüche reduzieren.
Gemeinsames Angebot Wissenschaftliche Einordnung und Implementierung werden in einem Projektteam zusammengeführt.
EUDI-Projekte verbinden Regulatorik, Prozessdesign, IT-Architektur, Security und Veränderungsmanagement. Fachliche und technische Arbeit müssen deshalb in einem gemeinsamen Vorgehen organisiert werden.
Fraunhofer FIT übernimmt die wissenschaftliche und methodische Einordnung, einschließlich Technologiebewertung und Wirkungsanalyse. TRUSTEQ bringt Beratung, Transformation und Implementierung in das gemeinsame Team ein. Die Zusammenarbeit reicht von der Positionierung im Ökosystem bis zu Umsetzung, Betrieb und Weiterentwicklung.

Fraunhofer FIT und TRUSTEQ analysieren mit Ihnen relevante Prozesse, die passende Rolle im Wallet-Ökosystem und den Weg zu einer sicheren Implementierung.
Mit der EUDI-Wallet entstehen verbindliche technische und regulatorische Grundlagen für digitale Nachweise in Europa. Unternehmen müssen diese Nachweise in Identifikation, Onboarding und weitere Prozesse integrieren. Dieselben Grundlagen können später auch Interaktionen mit KI-Agenten unterstützen.
Ein guter Startpunkt sind Anwendungsfälle, in denen verifizierbare Informationen schon heute manuelle Prüfungen reduzieren oder sichere Automatisierung ermöglichen. Dazu gehören etwa Onboarding, Vertretungsnachweise, Lieferantenprüfung und Freigabeprozesse.
Diese Vorarbeiten unterstützen die Umsetzung aktueller EUDI-Anforderungen und bereiten spätere Automatisierung vor.
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